Christoph Solstreif-Pirker

Jenseits der Stadt

Die Stadt ist etwas grundlegend Problematisches: „Eine Stadt spiegelt die neue männlich-aggressive Psychologie der Revolte gegen die weiblichen Prinzipien von Abhängigkeit und Natur wider“, schreibt Norman O. Brown in seinem wegweisenden Werk Life Against Death (Brown 1985, 281, eigene Übersetzung). Sie ist der materialisierte Ausdruck eines androzentrischen Gestaltungswillens, der mit demjenigen Zarathustrasnichts mehr gemein hat, sondern nur noch Zerstörung, Unterdrückung und Leid bedeutet. Nicht zu unrecht konstatiert Brown: „Die Stadt ist ein Depot der angesammelten Sublimation und ebenso ein Depot der angesammelten Schuld (…) Durch die Stadt werden die Sünden der Väter auf die Kinder übertragen“ (283). Die Stadt ist ein Spiegelbild der Verbrechen, die der Mensch – genauer: der Mann – begangen hat in der gewaltsamen Ausbeutung der femininen Ordnung und in der aggressiven Schändung des „womb of nature“, der, wie Francis Bacon in Novum Organon bedrückenderweise schreibt, „viele Geheimnisse von hervorragendem Nutzen“ für den männlichen Krieger bereithält (Bacon in Prior 1954, 351-352, eigene Übersetzung). Seit jeher manifestiert die Stadt eine Zerrissenheit: Sie ist der Versuch, ein Stück der wilden, ungezähmten Natur abzuringen, zu domestizieren, zu interiorisieren. Das unbekannte Außen wird in ihr zu einem kontrollierten Innen, zu einem Ort, der nach Abgrenzung und Trennung von seiner kontextualen Bezogenheit strebt. In der Stadt sind fragile Abhängigkeiten, Verbindungen oder Resonanzen grundlegend aufgehoben, sie ist eine Maschine der Auslöschung und der Vernichtung. Die Neurourbanistik untersucht gegenwärtig die Auswirkungen von Städten auf das Leben der in ihnen wohnenden Menschen, und stellt nicht zu unrecht fest: „Leben und Aufwachsen in der Stadt gehen mit einem höheren psychischen Erkrankungsrisiko einher“ (Adli & Schöndorf 2020, 980) – eine Beobachtung, die von Frank Lloyd Wright geteilt wird: „Wenn man sich den Plan einer großen Stadt ansieht, ist das wie der Querschnitt eines fibrösen Tumors“ (Wright in Brown 1985, 283, eigene Übersetzung). Noch schonungsloser formuliert es Albert Caraco in seinem Bréviaire du chaos: „Die Städte, die wir bewohnen, sind die Schulen des Todes, weil sie unmenschlich sind“ (Caraco 1986, 9) oder auch: „Unsere Städte sind Alpträume, ihre Bewohner beginnen, Termiten zu gleichen, alles, was gebaut wird, ist von einer ungeheuerlichen Hässlichkeit“ (48). So ließe sich das biblische Urteil wiederholen, das Gott gegen die sündige Stadt spricht: „Es ist ein großes Geschrei über Sodom und Gomorra, dass ihre Sünden sehr schwer sind. Darum will ich hinabfahren und sehen, ob sie alles getan haben nach dem Geschrei oder ob’s nicht so sei, damit ich’s wisse“ (Gen 18,20-21) – eine Ankündigung, die Abraham angstvoll fragen lässt: „Willst du denn den Gerechten mit dem Gottlosen umbringen?“ (Gen 18,23). Von Anbeginn der Menschheit bis heute liegt in der Stadt etwas Sündhaftes begründet, etwas, das gegen den Plan Gottes gerichtet ist. Dennoch ist die Wandlung in der biblischen Begebenheit bemerkenswert: Abraham gelingt es, durch Unterredung mit Gott die bevorstehende Zerstörung abzuwenden, denn es könnte ja sein, dass noch 50, 45, 40, 30, 20 oder auch nur 10 Gerechte in der Stadt zu finden wären; schließlich lässt Gott von seinem Vorhaben ab: „Und der Herr ging weg, nachdem er aufgehört hatte, mit Abraham zu reden“ (Gen 18,33). Könnte in der ganzen Unmenschlichkeit der Stadt etwas zu finden sein, was ihre ganze Schuld und Sündhaftigkeit aufwiegen könnte? Und wenn ja: Worin liegt die Bedeutung einer solchen Rechtfertigung, was ist ihr Ausdruck, was ihre Aufforderung?

George Grosz – Metropolis, 1916 – 1917

In seinem Frühwerk Gedankendämmerung konfrontiert uns E.M. Cioran mit folgendem bemerkenswerten Aphorismus: „Jeder Augenblick scheint mir eine Probe des Jüngsten Gerichts und jeder Ort in der Welt ein Weltrand“ (Cioran 2008, 546). Wenn wir, um nochmals Norman O. Brown zu bemühen, davon ausgehen, dass im gegenwärtigen (Post-)Anthropozän der vormalige Unterschied zwischen Innen und Außen, zwischen Natur und Kultur grundlegend aufgehoben ist, dann lässt sich sagen, dass der androzentrische Terror der Stadt mittlerweile die gesamte Erdoberfläche unterworfen hat. Brown liegt somit richtig, wenn er von einer „gigantic megalopolis“, von einer „city-as-world“ (Brown 1985, 282) spricht. Was wichtig erscheint, ist jedoch, dass die Stadt, verstanden als „Welt-Stadt“ oder „Stadt-Welt“ trotz ihrer planetaren Zentralität eben einen „Weltrand“ darstellt. Die Stadt in ihrer gewaltvollen Eindeutigkeit scheint auch immer etwas Anderes, Randhaftes miteinzuschließen. Womöglich ließe sich sogar ein Zusammenhang zwischen Urbanität und Peripherie herstellen: Je städtischer die Welt, desto weiter am Rand, und das heißt: am Abgrund wäre sie zu positionieren. Es ist genau dieses Paradox, dem eine höhere Aufmerksamkeit gewidmet werden müsste: Die Schuld der Stadt eröffnet gleichzeitig den Möglichkeitsraum der Sühne. Wenn jeder Augenblick als „Probe des Jüngsten Gerichts“ (Cioran 2008, 546) verstanden wird, wird das Fenster einer Umkehr aufgetan. Die Konfrontation mit dem städtischen Abgrund ließe es zu, eine andere Welt und eine andere Ordnung dem Bewusstsein zurückzugeben: Es wäre dies die „Ordnung der Frau“, also das, „was zu Beginn der Welt war“ (Caraco 1986, 75): das Prinzip der Sanftmut, Güte, Fürsorge, des Hörens, Gebens und Vertrauens. Das „Jüngste Gericht“, das sich gegenwärtig in jedem Augenblick manifestiert, führt zunächst dazu, dass „alle Nationen (…) ihre Vergangenheit verlieren (…) eine jede muss ihre Schätze, ihre Legenden und ihre Hoffnungen opfern. Das ist der Sinn des Jüngsten Gerichts“ (55). Und doch ist diese Opferung, die jeder Ort, jede Stadt tagtäglich ausdrücken, eben kein Sterben allein, sondern immer auch Auferstehung. Der Auftrag läge darin, die Stadt nicht weiterzubauen, ihre Macht nicht noch weiter zu zementieren, sondern in ihren Abgrund hineinzublicken und zu realisieren: „die Hölle (…) ist also die Gegenwart“ (91). Durch den Blick in diesen höllengleichen Abgrund, der Stadt heißt, kann das Leben eine andere Wendung nehmen: Sühne, Versöhnung, Frieden. Die Stadt wird erst in dem bedeutsam, was sie nicht ist.

Graz, Österreich, 25. Februar 2026

Referenzen

Adli, Mazda & Schöndorf, Jonas. 2020. „Macht uns die Stadt krank? Wirkung von Stadtstress auf Emotionen, Verhalten und psychische Gesundheit.“ Bundesgesundheitsblatt 2020, no. 63:979-986, https://doi.org/10.1007/s00103-020-03185-w.

Brown, Norman O. 1985. Life Against Death: The Psychoanalytical Meaning of History. Middletown, CT: Wesleyan University Press.

Caraco, Albert. 1986. Brevier des Chaos. Aus dem Französischen von Isabel Matthes. München: Matthes & Seitz.

Cioran, E.M. 2008. Werke. Aus dem Rumänischen von Ferdinand Leopold. Aus dem Französischen von François Bondy, Paul Celan, Verena von der Heyden-Rynsch, Kurt Leonhard und Bernd Mattehus. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Prior, Moody E. 1954. „Bacon’s Man of Science.“ Journal of the History of Ideas 15, no. 3:348-370.

INDICAȚII DE CITARE

Christoph Solstreif-Pirker ,,Jenseits der Stadt’’ în Anthropos. Revista de filosofie, arte și umanioare nr. 2 / 2026

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