Christoph Solstreif-Pirker

Die Bewegung des Stillstands

Die Bedeutung von Buffons bekanntem Ausspruch „Le style, c’est l’homme même“ („Der Stil ist der Mensch selbst“) lässt sich nicht hoch genug einschätzen. Zeigt er denn nicht eine zunächst implizite, auf den zweiten Blick jedoch unmissverständliche Kritik an den Grundsätzen des Fortschrittsoptimismus, der die spätkapitalistische Dekadenz nach wie vor unmittelbar antreibt. In ihr zeigen sich die Abirrungen des Werdens, die Unterjochungen der Entwicklung, die Befehle der Bewegung. Jeder Mensch muss in Schwingung gebracht und gehalten werden, entzückt werden von der zerstörerischen Faszination für die Geschwindigkeit, die die italienischen Futuristen schon vor mehr als 100 Jahren proklamierten: „We affirm that the world’s magnificence has been enriched by a new beauty: the beauty of speed (…) We stand on the last promontory of the centuries!… Why should we look back, when what we want is to break down the mysterious doors of the Impossible? Time and Space died yesterday. We already live in the absolute, because we have created eternal, omnipresent speed“ (Marinetti in Apollonio 2001, 21-22). Interessanterweise ist die futuristische Obsession der Geschwindigkeit mit einer besonders destruktiven und misogynen Komponente verbunden, die den aktuellen geopolitischen Zustand nicht besser ausdrücken könnte: „We will glorify war – the world’s only hygiene – militarism, patriotism, the destructive gesture of the freedom-bringers, beautiful ideas worth dying for, and scorn for woman“ (Marinetti in Apollonio 2001, 21-22). Es ist dieses absolute Besessen-Sein von der Geschwindigkeit, dieses radikale Immer-Weiter-Gehen, dieses kriegerische Vorwärtstreiben, das sich während der vergangenen Jahrzehnte kontinuierlich intensiviert hat und die Formation der zeitgenössischen Subjektivität unmittelbar bestimmt: Dem Menschen bleibt keine andere Wahl, als um jeden Preis fortzuschreiten. Stillstand markiert die größte Sünde der Gegenwart. Worauf die biopolitischen Messinstrumente der globalen Kontrollgesellschaften besonders ansprechen, sind die wenigen, zaghaften, heldenhaften Versuche nicht von der Stelle zu rücken, die mit höchstmöglichen Konsequenzen sanktioniert werden. Günter Anders stellte diesbezüglich fest: „Der Gedanke, dass sie eventuell zurückbleiben könnten, erfüllt die Politiker mit so tiefem Entsetzen, dass sie ihn als ,unmoralisch‘, je nach politischer couleur als ,asozial‘ oder als ,antinational‘ verleumden. (…) Aus unserer Angst davor, hinter Allen zurückzubleiben, werden wir Alle es so weit bringen, dass wir die Letzten sein werden, und dass von uns allen wirklich nichts ,zurückbleiben‘ wird“ (Anders 1987, 296). Die Phänomenologie des Fortschritts wäre um die Schicksale jener Widerstandskämpfer des Stillstands zu ergänzen, um ein möglichst vollständiges Bild über die Barbarei der fortschrittlichen Jetztzeit zu zeichnen. Auf der Ebene der Lautgestalt trägt das deutsche Wort Stillstand [dt.: Stillstand] den Stil erstaunlicherweise in sich, und es scheint bedeutsam, diesem Sprachspiel ein wenig Aufmerksamkeit zu schenken. Mit dem Diktum „Le style, c’est l’homme même“ verdeutlicht Buffon, dass der Mensch immer schon Stil ist, dass der menschliche Ausdruck immer schon stilistisch zu begreifen ist. Stil ist dem Menschen inhärent, ist sein Apriori – und muss nicht etwa erst gefunden werden. Der Fortschrittsoptimismus kann sich mit einer solcher Annahme nicht zufrieden geben, würde er damit doch dem Menschen seine individuelle Freiheit und Autonomie zurückerstatten. Nein, er stellt sich mit aller Kraft gegen dieses Apriori und indoktriniert dem Menschen, dass er sich vielmehr daran machen müsse, seinen Stil erst zu finden. So wird er auf eine lebenslange Suche geschickt und die Erzählung von der Bedürftigkeit des menschlichen Wesens fortwährend wiederholt. Würden wir aber für einen Moment bei Buffons wegweisendem Ausspruch verweilen, könnten wir in ihm eine Abkehr von jeglichem Fortschrittsgedanken und eine Infragestellung der angeblichen menschlichen Mangelhaftigkeit feststellen. Wenn Stil immer schon da ist, bedeutet das im Umkehrschluss, dass er nicht gesucht werden kann. Den Menschen auf die Suche nach sich selbst zu schicken müsste als buchstäblich sinn-loses Unterfangen enttarnt werden. Der Mensch hat immer schon Stil und dieser Stil [dt. Stil] lässt sich möglicherweise – so meine lautgestalterische Interpretation – im Stillstand [dt. Stillstand] widerfinden. Im Stillstand wird der Stil des Menschen offenbar; der Stillstand ist die Möglichkeitsbedingung, damit der Stil – und damit der Mensch selbst – sich aktualisieren können.

Wenn der Mensch Stil ist, dann muss diese Stilistik mit dem Tod des Menschen zu tun haben. Mit E.M. Cioran wäre Stil die Wehklage über die menschliche Existenz in der Welt, der Ausdruck der „Krankheit, geboren zu werden“ (Ciroan 2008, 1279) und des Eintretens in die Sterblichkeit. Der Stillstand würde es erlauben, diesem existentiellen Stil Raum zu geben und dieser Trauer, Wut und Lethargie über die Mühsal des Lebens Ausdruck zu verleihen. Womöglich könnte die so zusammengeballte Hoffnungslosigkeit neue Horizonte der Gemeinschaft, des Mitgefühls, der Lebendigkeit eröffnen. Damit wird die politische Reaktion verständlich, die das Stillstehen, das Lamentieren über das Leben unbedingt zu verhindern sucht: die Geschwindigkeit ist das Mittel, um den Menschen beschäftigt – und das heißt: seiner selbst entfremdet – zu halten. Die Tatsache des immer schon vorhandenen Stils – der sich in der Ruhe, in der Genügsamkeit, in dem Misstrauen gegenüber der grausamen Bewegung darstellt – kann dem Menschen einen wesentlichen Bestandteil seiner Würde und seiner Ganzheit zurückgeben: der Mensch ist vollständig, er ist kein Mangelwesen, das von der Brutalität des Spätkapitalismus nach Belieben geformt und in Bewegung gesetzt werden kann. Vielmehr ist Mensch immer schon in Bewegung, und das heißt: er steht still. Diese stillstehende Bewegung ist eine Bewegung der Freiheit, ja, sie gibt der Freiheit erst Raum: „Niemand macht sich frei, solang er danach strebt, jemand oder etwas zu werden“ (Cioran 2008, 1279). In ihr zeigt sich ein movens, das mit dem unterdrückenden Werden, Produzieren und Entwickeln der Gegenwart nichts gemein hat. Cioran schlägt das schöne Wort „Gegenzeit“ für eine solche stillstehende Bewegung vor: „Will man sie verstehen und ihr zustreben, so muss man das Werden verabscheuen, dessen Last und Unbehagen fühlen, sich um jeden Preis ihm zu entreißen wünschen“ (Cioran 2008, 1228). Es scheint dringend notwendig, die Spuren einer solchen „Gegenzeit“ zu finden, ihnen zu folgen und sich „einem unbeweglichen Hineinfließen“ (Cioran 2008, 1133) in sie hinzugeben; stillzustehen, damit etwas bleibt.

Referenzen

Anders, Günther. 1987. Die Antiquiertheit des Menschen 2. Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution. München: C.H. Beck.

Apollonio, Umbro (Hg.). 2001. Futurist Manifestos. New York, NY: Distributed Art Publishers.

Cioran, E.M. 2008. Werke. Aus dem Rumänischen von Ferdinand Leopold. Aus dem Französischen von François Bondy, Paul Celan, Verena von der Heyden-Rynsch, Kurt Leonhard und Bernd Mattehus. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

INDICAȚII DE CITARE

Christoph Solstreif-Pirker ,,Die Bewegung des Stillstands’’ în Anthropos. Revista de filosofie, arte și umanioare nr. 4 / 2026

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