Christoph Solstreif-Pirker
In den Abgrund schauen
In einem Interview für die Fernsehdokumentation Liebesweisheit, die 1990 vom Westdeutschen Rundfunk produziert wurde, warf Emmanuel Levinas folgende Frage auf: „Wie standen auf den zwei Tafeln, die Moses vom Berge Sinai gebracht hat, die zehn Gebote?“ Auch wenn die Antwort auf diese Frage nur unbeantwortet bleiben kann, ließ sich Levinas auf folgende Überlegung ein: „Es gibt die erste Meinung: Auf jeder Tafel waren sie alle zehn. Das ist ja gut, denn wenn man sie wiederliest, hat man immer etwas Neues zu erfahren. Die andere Meinung: Nein, es waren fünf auf der einen Seite und fünf auf der anderen Seite. Wozu? Dann kann man sie auch horizontal lesen. Und dann liest man: ,Ich bin Gott, der dich aus Ägypten herausgeführt hat – Du sollst nicht töten!‘ Als ob der volle Monotheismus der Bibel darin bestünde, dass man nicht töten soll. Das ist derselbe Satz, diesen Satz zitiere ich sehr oft. Darin finde ich keine Begründung, aber den Sinn meiner Worte über das Erstrangige des Sozialen gegenüber dem Wissen, der Wahrheit“ (Levinas 1990). Das Gebot, nicht zu töten, zieht sich wie ein Imperativ durch Levinas‘ philosophisches Werk. In Totalität und Unendlichkeit wird es als „das erste Wort“ vorgestellt und in deontischer Form formuliert: „Du wirst keinen Mord begehen“ (Levinas 2014, 285). Levinas referenziert auf diese Aufforderung Gottes nicht nur in inhaltlicher, sondern auch in formmäßiger Hinsicht: Hier zeigt sich eine Äußerung, die kein abgeschlossenes Solitär ist, sondern ein spezifisches An-Sprechen [dt. An-Sprechen]: Moses erfährt die Zehn Gebote erst in der Berührung mit der Unermesslichkeit und totalen Andersheit Gottes: „Da fuhr der HERR im Gewölk hernieder, und er (Mose) trat dort neben ihn und rief den Namen des HERRN an“ (2 Mose 34,5). In seiner Bezugnahme verdeutlicht Levinas, dass Gesetz, Wahrheit und Wissen erst dann ihre ethische Berechtigung erhalten, wenn sie vom Anderen und seiner Unendlichkeit emanieren. Bedeutsam ist hier aber, dass der Andere trotz seiner ethischen Erstrangigkeit paradoxerweise eine untergeordnete Position einnimmt: Der Andere ist nicht übermächtig, sondern, im Gegenteil, fragil, verletzlich und zerstörbar. Für Levinas manifestiert sich der Andere immer flehend und wehrlos – und ebenjene Not des Anderen verdeutlicht sich zuallererst in dem, was Levinas „Antlitz“ [dt. Antlitz] genannt hat. Sobald ich bereit bin, dem Anderen jenseits aller Vorstellungen entgegenzublicken, ent-grenzt sich der Andere aus der den Missbrauch erlaubenden Objektivität und wird stattdessen ganz singulär, einzigartig, unendlich: „Die Weise des Anderen, sich darzustellen, indem er die Idee des Anderen in mir überschreitet, nennen wir nun Antlitz. (…) In jedem Augenblick zerstört und überflutet das Antlitz des Anderen das plastische Bild, das er mir hinterlässt, überschreitet er die Idee, die nach meinem Maß und nach dem Maß ihres ideatum ist – die adäquate Idee. Das Antlitz manifestiert sich nicht in diesen Qualitäten, sondern καθ’αύτό [gemäß sich selbst]. Das Antlitz drückt sich aus“ (Levinas 2014, 63). Dieser Ausdruck des Anderen ist ein Ausdruck von unterweisender Bedürftigkeit. (Interessant ist, dass sich selbst Gott Moses in einer fragilen, ephemeren und luftgebundenen Form zeigt. Der Verweis auf die Charakterisierung Gottes im 1. Buch der Könige (Kapitel 19, Verse 11-13) ist naheliegend, die sich bezeichnenderweise auch auf einem Berg verdeutlicht: „Da zog der HERR vorüber: Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem HERRN voraus. Doch der HERR war nicht im Sturm. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Doch der HERR war nicht im Erdbeben. Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch der HERR war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln. Als Elija es hörte, hüllte er sein Gesicht in den Mantel, trat hinaus und stellte sich an den Eingang der Höhle“). Die Unendlichkeit Gottes zeigt sich in der Andersheit der Schwäche, die Moses auffordert, sich ihrzuzuwenden: „Und er (Mose) trat dort neben ihn“. Moses ist bereit, das Antlitz Gottes zu empfangen, bereit, diese Begegnung zuzulassen, ohne die Hilfsmittel von Intentionalität und Objektivität.

Marc Chagall, Moïse Reçoit les Tables de la Loi (Moses Receives the Tablets of the Law), 1956. Auch hier sind die zehn Gebote – Levinas‘ Sichtweise entsprechend–nebeneinander geschrieben.
In der Gegenwart allumfassender Digitalisierung verschwindet das zuwendende Sensorium für das Antlitz des Anderen rapide. Menschen wenden sich keineswegs mehr der ihnen begegnenden Andersheit zu, sondern der vorherbestimmten Gleichheit. Schon vor zehn Jahren wies Byung-Chul Han – mit Referenz auf Levinas – auf den „Terror des Gleichen“ hin und konstantierte unmissverständlich in den Eröffnungszeilen seines Essays Die Austreibung des Anderen: „Die Zeit, in der es den Anderen gab, ist vorbei“ (Han 2016, 7). Seither, könnte man meinen, hat sich diese Austreibung nur noch intensiviert. Dennoch bleibt eine womöglich hoffnungsvolle Lücke: Woher kommt der minütliche, sekündliche Blick auf die Displays unseres Alltags? Woher kommt dieses Wollen zu blicken? Es nur als Abhängigkeitssymptom zu klassifizieren mag einer symptomatologischen Objektivität entsprechen, wirkt aber dennoch zu einfach: Menschen blicken auf die ihnen entgegenströmenden kuratierten Antlitze, weil sie womöglich auf der Suche nach etwas sind, das ihnen verlorengegangen ist: die Not im Antlitz des Anderen, die niemals hergestellt werden kann, auf welchem technischen Wege auch immer. Es scheint, als ob Menschen verlernt hätten, sich auf die ungeplante Unermesslichkeit des Anderen einzulassen – das heißt auch: auf die Tiefe, vielleicht auch den Abgrund des Anderen – und gemeinsam mit dem Anderen in dieser Grundlosigkeit zu schweben. Das kuratierte Antlitz bleibt jeglicher Zuwendung indifferent, hat sie nicht not-wendig; es ist ein lautes Antlitz, ein Antlitz, das zum Mord motiviert statt ihn zu verhindern. Und dennoch blicken Menschen. Es wäre an der Zeit, diese noch vorhandene blickende Fähigkeit aufzumachen, sie zu öffnen für das Anklopfen des wahrhaft Anderen: des unsicheren, bedürftigen Anderen, der in seinem An-Spruch [dt. An-Spruch] meines Zu-Spruches [dt. Zu-Spruches] bedarf. In solchen Momenten, in denen das leise Wort des Anderen sich zum „Wort des Meisters“ (Levinas 2014, 93) wandelt, ereignet sich Güte, also „sich im Sein so zu setzen, dass der Andere mehr zählt als ich selbst“ (364). Wenn sich Güte in der Welt – auch in unserer nächsten Welt – ereignen soll, bleibt dem Menschen nichts anderes, als in den flehende Abgrund des Anderen zu blicken – und dabei gleichzeitig emporgehoben zu werden in Höhen, die vielleicht heilig genannt werden können. Es ist alles schon geschrieben worden: „Öffne mir die Augen, dass ich sehe die Wunder an deinem Gesetz“ (Ps. 119, 18).
Referenzen
Han, Byung-Chul. 2016. Die Austreibung des Anderen: Gesellschaft, Wahrnehmung und Kommunikation heute. Frankfurt am Main: S. Fischer.
Levinas, Emmanuel. 1990. Liebesweisheit: Emmanuel Levinas – Der Philosoph des Anderen. Ein Film von Henning Burk und Christoph von Wolzogen. WDR: Reihe Philosophie. https://www.youtube.com/watch?v=wHqYY9Ckmlg.
Levinas, Emmanuel. 2014. Totalität und Unendlichkeit: Versuch über die Exteriorität. Übersetzt von Wolfgang Nikolaus Krewani. Freiburg und München: Karl Alber.
INDICAȚII DE CITARE
Christoph Solstreif-Pirker, ,,In den Abgrund schauen’’ în Anthropos. Revista de filosofie, arte și umanioare nr. 6 / 2026
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