Christoph Solstreif-Pirker

Gedanken über den Rückzug

Vor einigen Monaten reflektierte ich anlässlich eines Vortrags bei einer Konferenz für Kunstpädagogik über fünf Kunstformen, die angemessen wären, um der herausfordernden Gegenwart begegnen. Ich war davon ausgegangen, dass sich die Gegenwart durch einen besonders kritischen Zustand auszeichnet, der sich sowohl auf geopolitischer, sozialer, ökologischer, ökonomischer und schließlich auch individueller Ebene manifestiert. Schon 2020 beschrieben Bruno Latour und Peter Weibel den planetaren Lebensraum als „kritische Zone“: als eine nur wenige Kilometer dicke Schicht, deren Verletzlichkeit und Vergänglichkeit in den vergangenen Jahren nur allzu deutlich geworden sind. Um sich vor dieser kritischen und prekären Gegenwart nicht zu verschließen, sondern sich vielmehr aktiv und verantwortungsvoll mit ihr auseinanderzusetzen, schien es mir notwendig, auf die fünf Kunstformen von Betroffenheit, Fragilität, Resilienz, Achtsamkeit und Wertschätzung besonders hinzuweisen. Dabei ging es jedoch nicht nur um fünf voneinander getrennte Herangehensweisen – als ob es genügte, nur betroffen oder resilient oder wertschätzend zu sein –, sondern um ein ineinander greifendes Zusammenspiel, in dem die eine Haltung nicht ohne die andere bestehen kann. Überhaupt war es mir wichtig, darauf hinzuweisen, dass diese Praktiken nicht als bloße Anweisungen und vorhergeplante Prozeduren verstanden werden, sondern eben als Kunstformen: als Handlungsgeflechte, deren Ausdruck veränderlich ist und die immer wieder neu gefunden und definiert werden wollen. Der Vorschlag dieser fünf miteinander verwobenen Kunstformen schien mir gültig zu sein und ein wichtiger methodologischer Ausgangspunkt für gegenwärtiges und zukünftiges Handeln.

Betroffenheit, Fragilität, Resilienz, Achtsamkeit und Wertschätzung hinterfragen allesamt einen futurologischen und egozentrischen Denkrahmen. Statt dem „futurus“ weisen sie auf das „adventus“ hin, also auf die Zukunft, die auf mich zukommt. Das Ich zeigt sich dabei nicht intentional, sondern abwartend: es hält inne, steht still und ist bereit für den ankommenden und noch unbekannten Anderen: für seine Zeit, seine Stimme, seinen Blick oder sein Antlitz, wie Emmanuel Levinas dies ausgedrückt hat. Gleichwohl scheint über diesen fünf vorgeschlagenen Kunstformen noch eine andere zu liegen, gleichsam als übergreifende, zusammenfassende Kunstform: sie ließe sich als die Kunstform des Rückzugs bezeichnen.

Vilhelm Hammershøi – Interior with Woman at Piano (1901)

Das Thema Rückzug ist gegenwärtig durchaus präsent. Die Zahl der an Erschöpfungsdepressionen Leidenden ist hoch, Menschen ziehen sich vor herausfordernden Alltags- und Berufssituationen zurück, reagieren apathisch vor den multiplen Krisen der Gegenwart. Angebote für verschiedenste „retreats“ sind allgegenwärtig, oft verbunden mit der Aufforderung, „Zeit für sich“ zu nehmen und eine „Rückbesinnung auf sich selbst“ einzuleiten. Ein „retreat“ lässt sich jedoch nur bedingt mit der Praxis des „adventus“, also mit dem abwartenden Bereitmachen für den Anderen in Verbindung bringen. Vielmehr zeigt es eine Vermarktung der ursprünglichen menschlichen Neugierde und Erwartungshaltung. In der neoliberal missbrauchten Form schließt Rückzug als „retreat“ jegliche Andersheit grundlegend aus: es verweigert Weltbezug und die Begegnung mit dem Neuen zugunsten einer fortwährenden Wiederholung des Gleichen. Das „retreat“ ist kein Ort der Kontemplation (die immer auch das Element des Anderen miteinschließen würde), sondern eine Fabrik der isolierten und alteritätslosen Selbstoptimierung. Der Mensch kehrt in den abgeschlossenen Echoraum seiner selbst zurück und wähnt sich der Freiheit, während er die unterschwelligen Gewaltanwendungen des Spätkapitalismus „entspannt“ über sich ergehen lässt – und dabei sein Menschsein, sein zum-Anderen-hin-Sein stückweise aufgibt.

Wenn ich hier von Rückzug schreibe, so hat dies mit der Typologie des „retreat“ nichts gemein. Der Rückzug im Sinn des „adventus“ hat vielmehr mit einem Zurücktreten, mit einer Form des Verschwindens und Vergessens zu tun: dies jedoch nicht, um sich selbst zu optimieren, um sich selbst stärker und sichtbarer zu machen, sondern, im Gegenteil, um die eigene Sichtbarkeit zu verringern. Levinas hat seinen ethischen Imperativ in folgendem Satz zusammengefasst: „Nach Ihnen, meine Dame!“, „nach Ihnen, mein Herr!“. Er fordert ein Zurücktreten angesichts des Anderen, eine Bewegung, die nicht um sich selbst kreist, sondern dem Anderen erst Raum gibt. Es ist eine Form des Rückzugs, die es erlaubt, in Resonanz mit dem Anderen zu treten. Eine solche Form des Rückzugs erweitert den Freudianischen Thanatos um eine ethisch-ästhetische Perspektive: um die Wahrnehmung (αἰσθητικός) des Anderen. Der „instinct to return to the inanimate state“ (Freud 1955, 38), wie Freud den Todestrieb beschrieb, geschieht nicht für sich selbst, sondern steht im Dienste des Anderen, hat die Aufgabe, den Anderen in seiner Singularität anzuerkennen.

Ein Grund für die Krisenhaftigkeit der Gegenwart mag in der forcierten Selbstzentriertheit des Menschen zu finden sein. Wenn E.M. Cioran in The Trouble with Being Born davon spricht, dass „in order to conquer panic or some tenacious anxiety, there is nothing like imagining your own burial“ (Cioran 1976, 117), dann meint er damit nicht, sich selbst durch die Vorstellung des eigenen Begräbnisses zu beruhigen, sondern gibt einen Vorschlag, um die „panic“ und „anxiety“ der Egomanie aufzuheben: den eigenen Abschied zu imaginieren, um den Anderen begrüßen zu können. „Rather in a gutter than on a pedestal“ (116) bedeutet, die Gemeinschaftlichkeit (erneut) willkommen zu heißen, für die auf einem einsamen „pedestal“ kein Platz ist. Den gegenwärtigen Krisen zu begegnen heißt eben nicht, sie selbstzentriert zu ignorieren oder in ein „retreat“ vor ihnen zu flüchten, sondern sich zurückzuziehen, um ihnen begegnen zu können. Die Krise verringert sich erst, wenn ich ihr begegne, wenn ich offen für sie bin und mich von ihr berühren lasse. Das neutestamentliche Wort: „He must increase, but I must decrease“ (John 3:30) spricht in diese Überlegungen unmittelbar hinein: die Kunstform des Rückzugs bedeutet eine Verminderung der Selbstzentriertheit, um Menschlichkeit wieder neu entstehen zu lassen.

Was die krisenhafte Gegenwart erfordert, ist die Erschütterung der Selbstoptimierung. Die Aufgabe läge darin, Formen des eigenen Rückzugs zu finden, gleichsam eine Ästhetik und Methodologie des Rückzugs zu formulieren, um die Fähigkeiten zu entwickeln, sich selbst kontinuierlich zurückzuziehen: ein geradezu reaktionärer Gedanke. Doch die Verneinung des Lebens, wie Cioran in seinem Werk dies mannigfaltig ausdrückt, führt paradoxerweise zu seiner Bejahung, zu seiner Wiedergeburt. Die Kultivierung des Thanatos mit dem Anderen im Blick kann wesentlich dazu beitragen, Gemeinschaftlichkeit, Freiheit und Frieden wiedererstehen zu lassen.

Referenzen

Cioran, E.M. 1973. The Trouble with Being Born, translated by Richard Howard. New York, NY: Arcade Publishing.

Freud, Sigmund. “Beyond the Pleasure Principle (1920).” In The Standard Edition of the Complete Psychological Works of Sigmund Freud, translated by James Strachey, Volume XVIII, 3–66. London: Hogarth Press, 1955.

INDICAȚII DE CITARE

Christoph Solstreif-Pirker ,,Gedanken über den Rückzug’’ în Anthropos. Revista de filosofie, arte și umanioare nr. 10 / 2025

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