Christoph Solstreif-Pirker

Ein neuer Klassizismus: Über die Kälte

Die „quo vadis?“-Frage hat seit jeher mit etwas Jenseitigem zu tun. Simon Petrus erhält auf seine Frage „Domine, quo vadis?“ eine kryptische Antwort von seinem Herrn: „Quo vado, non potes me modo sequi, sequeris autem postea“ („Wo ich hingehe, kannst du mir diesmal nicht folgen; aber du wirst mir später folgen“, Joh 13,36). Dem Lieblingsjünger Jesu wird das momentane Mitgehen versagt, er muss warten, es ist noch nicht der richtige Zeitpunkt. Der Ort, zu dem Jesus vorausgeht, ist für den Jünger noch nicht begreifbar, liegt jenseits seiner Vorstellungskraft und entzieht sich seinem Zugang. Wovon Jesus spricht, ist etwas Anderes, das den gewohnten Bezugsrahmen des Selben transzendiert. Versuche, sich diesem Anderen vorschnell anzunähern, schlagen fehl und werden augenblicklich enttarnt: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Der Hahn wird nicht krähen, bis du mich dreimal verleugnet hast“ (Vers 38).

Trotz dieses Scheiterns spricht aus der Frage nach dem „Wohin?“ die Sehnsucht nach dieser Andersheit, nach dem Fremden, Unbekannten, Unbestimmten. In einer Lebensrealität, die von zunehmender Barbarei gekennzeichnet ist, sind viele Menschen von ebenjener Sehnsucht nach Andersheit ergriffen, ohne dies auch immer ausdrücken zu können. Verirrt blicken sie in die verschiedensten Richtungen, um diese Sehnsucht für sich erfüllt zu sehen, um nur zu oft falschen Heilsversprechern in die Hände zu fallen, die Andersheit um den Preis der Selbstaufgabe verkaufen und zu Unterdrückung anstelle von Freiheit führen.

Eine Antwort auf die Frage „quo vadis?“ muss immer – wie Emmanuel Levinas dies so beeindruckend ausgedrückt hat – eine „Spur des Unendlichen“ (Levinas 2011, 209) in sich tragen, muss also immer unverständlich bleiben, um wahrhaft offen und nicht-totalisierend zu sein. Ein solcher zunächst unverständlicher Satz findet sich auch in den Abhandlungen, die Albert Caraco anlässlich des Todes seiner Mutter in Post Mortem zusammengefasst hat: „Les êtres nobles aiment rarement la vie, ils lui préfèrent les raisons de vivre, et cerne qui se contentent de la vie sont toujours des ignobles“ (Caraco 1968, 22. Übersetzt als: „Edle Menschen lieben selten das Leben, sie ziehen ihm Gründe zum Leben vor, und diejenigen, die sich mit dem Leben zufrieden geben, sind immer verachtenswert“).

Wird hier die Liebe zum Leben grundlegend infrage gestellt? Besteht denn nicht ein Grundzug eines aufgeklärten Menschenbildes darin, die Liebe zum Leben aufzubauen, aufrecht zu erhalten und zu fördern? Was würde es nun bedeuten, den conatus von seinem Sockel zu heben, ihn womöglich sogar als problematisch anzusehen? Caraco stellt jedoch nicht nur infrage, sondern weist auch auf einen anderen Ort, eine andere Seinsweise hin: Nicht um die Liebe zum Leben geht es, sondern um die Befolgung der Gründe zum Leben. Entsteht nicht jeglicher Fanatismus aus der blinden Liebe zum Leben, aus jenem maschinenhaften Optimismus, der das Leben und die Aufrechterhaltung des Lebens um jeden Preis fordert, gerne auch mit den Mitteln des Kriegs, der Versklavung und des Gemetzels? Edelmut, um dieses altvordere Wort zu bemühen, würde sich jedoch gerade in der Auflehnung gegen die Lebensliebe zeigen, in der Ablehnung jeglicher Schöpfung um der Schöpfung willen.

In dieser Zeit barbarischer Wucherungen auf individueller wie kollektiver Ebene scheint Caracos Ruf nach einem „Classicisme“ (55) bedeutsam, der die Gründe zum Leben der Liebe zum Leben vorzieht: Gründe, die da wären Verantwortung, Ordnung, Schönheit, Einfachheit, Ruhe oder Wiederholung, eine Seinsweise also, die Laugiers „Urhütte“ näher ist als den Strukturen, die Ende 2026 auf dem Mars entstehen sollen. Dennoch wäre zu entwickeln, wie ein zeitgenössischer Klassizismus aussehen könnte, um nicht Gefahr zu laufen, eine Vergangenheit zu beschwören, die unwiederbringlich vergangen ist, oder einen solchen Klassizismus in reaktionärer Dumpfheit versinken zu lassen.

Wohin zu gehen wäre, wäre ein Weg jenseits der Liebe: ein Weg der Höflichkeit, des Respekts, der Wertschätzung und der Enthaltsamkeit. Wenn Caraco proklamiert: „le mieux est, certes, de n’aimer personne“ (33, übersetzt als: „Das Beste ist natürlich, niemanden zu lieben“), dann fordert er gleichzeitig „respect“ („Ehrfurcht“) und „politesse“ (86, „Höflichkeit“): Zuwendung anstelle von Leidenschaft. Womöglich bestünde ein neuer Klassizismus aus Kälte, doch einer einander wahrnehmende Kälte, ohne Begierde, Neid oder Konkurrenz. Ich nehme den anderen wahr, ohne ihn überformen zu wollen; ich lasse ihn in seiner Andersheit bestehen. Dies wäre ein ethischer Zugang, den Levinas in bestechender Art in Sprache gebracht hat und der heute kaum aktueller sein könnte.

Frontispiz von Marc-Antoine Laugier: Essai sur l’architecture, 2. Auflage, 1755, von Charles Eisen (1720–1778)

Die Antwort auf die Frage „quo vadis?“ wäre dann zu beantworten mit: „in frigidum“ – „in die Kälte“. Vermutlich stellt dies eine Antwort dar, auf die das jesuanische Wort „wo ich hingehe, kannst du mir diesmal nicht folgen“ zutreffend ist: für viele Menschen ist es schlichtweg allzu undenkbar, in die Kälte zu gehen und die Wärme des Lebens und der Liebe zu fliehen; die Grenzen des eigenen Hauses, das „Bei-sich, das Zuhause, dessen Eroberung und dessen eifersüchtige Verteidigung die europäische Geschichte gewesen ist“ (Levinas 2011, 381) zu verlassen. Doch lässt sich die den Menschen umtreibende Sehnsucht nur auf diese Weise stillen: erst in der Kälte kann ich dem Anderen begegnen.

Die Kälte verspricht kein Glück, keinen Erfolg, kein Ansehen; sie ist dunkel, matt, unscheinbar, ungemütlich; sie wirft den Menschen auf die Grundbedingungen seiner Existenz zurück; sie fordert eher als sie gibt. Dennoch ist es eine Kälte, die Menschlichkeit entstehen lässt, und vermutlich ist sie der einzige Weg dazu. Wie Caraco treffend festgehalten hat: die verstorbene Mutter war „victime de la charité“ (39), Opfer von erstickender Lebensliebe. Die Kälte ist ein offener Raum, ein Raum, der Luft zum Atmen gibt. Doch kein leerer Raum: Wenn ich es wage, in der Kälte zu atmen, ist der Andere auch da: ein Stück Unendlichkeit ist Wirklichkeit geworden.

Referenzen

Caraco, Albert. 1968. Post Mortem. Lausanne: Éditions L’Age d‘Homme.

Levinas, Emmanuel. 2011 [1974]. Jenseits des Seins oder anders als Sein geschieht. Übersetzt von Thomas Wiemer. Freiburg und München: Karl Alber.

INDICAȚII DE CITARE

Christoph Solstreif-Pirker ,,Ein neuer Klassizismus: Über die Kälte’’ în Anthropos. Revista de filosofie, arte și umanioare nr. 1 / 2026

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