Christoph Solstreif-Pirker

Die Weite der Höflichkeit

In einem Gespräch mit Philippe Nemo fasst Emmanuel Levinas seinen Ansatz in aller Kürze zusammen: „Was ich versucht habe zu beschreiben, ist ein ursprüngliches ,Nach Ihnen, mein Herr!‘“ (Levinas 1996, 67).[1] In dieser knappen Bemerkung entfaltet sich eine ganze ethische Welt. An anderer Stelle wird Levinas viel allgemeiner über „den Fremden, der das Bei-mir-zu-Hause stört“ (Levinas 2014 [1961], 44) sprechen, doch enthüllt gerade der Ausspruch „Nach Ihnen, mein Herr!“ ein nicht weiter zu konkretisierendes Bild, eine Praxis. Mit den folgenden Ausführungen will ich Levinas‘ Aufforderung nachgehen und in ihr eine unmittelbare Äußerung jener Nächstenliebe erkennen, die Martin Buber und Franz Rosenzweig folgendermaßen übersetzten: „Halte lieb deinen Genossen, dir gleich. ICH bins“ (Lev 19,18b, Buber und Rosenzweig 1976a, 326). Was bedeutet es nun, meinen Genossen lieb zu halten? Meines Erachtens umfasst ein solches Halten [dt. Halten] kein Fest-Halten [dt. Fest-Halten], so wie Levinas dies mit dem Wort „intéressement“, und das heißt: „unerschütterliches Beharren“ (Levinas 1992, 26), zum Ausdruck bringt. Ein solches Festhalten – und bei Levinas bedeutet dies zuvorderst ein „Festhalten am eigenen Sein“ (26) – ist immer etwas Hartes, Erstarrtes, worin die lebendige Schwachheit des Anderen keinen Platz findet. Den anderen „lieb zu halten“ hat keinerlei Verbindung zum Greifen, also auch nicht zum An-Greifen [dt. An-Greifen, Angriff] und Be-Greifen [dt. Be-Greifen, Begriff], da es dann darum gehen würde, den anderen dingfest [dt. dingfest] zu machen, ihn/sie also zu verdinglichen [dt. verdinglichen], ihn/sie in seiner/ihrer menschlichen Einzigartigkeit zu objektivieren, zu materialisieren, ihm/ihr Gewalt anzutun. Jenseits dieses gewaltvollen Verständnisses scheint die etymologische Herkunft des Wortes „halten“ bedeutsam zu sein, das interessanterweise mit „hüten“ zu tun hat. Den anderen „lieb zu halten“ lässt sich damit verstehen als „den anderen zu weiden“, ihm/ihr fürsorgend Raum zu geben. Der Hirte hält die Schafe nicht, greift [dt. greift] sie nicht an (und hat damit auch keinen Be-Griff [dt. Be-Griff] von ihnen), wie das die Gewalt des Wolfes tun würde; vielmehr öffnet der Hirte den Schafen ein Feld: „In die Weite hat er mich herausgeholt, schnürt mich los, denn er hat an mir Lust“ (Ps. 18,20, Buber und Rosenzweig 1976b, 29). Nächstenliebe hat immer mit der Weite eines solchen Raumes zu tun und kann sich nur dort ereignen, wo eine solche Weite eröffnet wird und die Worte gesprochen werden: „Nach Ihnen, mein Herr!, nach Ihnen, meine Dame!“.

Giovanni Segantini (1858-1899), Alpweiden, 1893/1894, Öl auf Leinwand, 169 x 278 cm, Kunsthaus Zürich.

In der Aussprache dieser Worte zeigt sich weniger Liebe als vielmehr Höflichkeit. Albert Caraco wies in seinem 1967 erschienenen Buch Le galant homme: Un livre de civilité auf die Bedeutung der Höflichkeit und ihre Unterscheidung von der Liebe unmissverständlich hin: „Liebe ist Gewalt, Höflichkeit ist ein Akt der Ehrerbietung, eine Mischung aus ungekünstelter Schamhaftigkeit und Bitte ohne Hintergedanken, ein Spiel ohne Gewinner und Verlierer, ein Spiel, das täglich stattfindet und dessen Teilnehmer niemals müde werden (58-59, eigene Übersetzung).[2] Nach Caraco lässt sich in der Liebe immer die Virtualität zum „intéressement“ feststellen, also zur Eigennützigkeit, Ausbeutung, Verdinglichung und der Rotation um das Selbe. In der Höflichkeit wird dagegen etwas anderes sichtbar: „Sie [die Höflichkeit] besteht darin, sich zurückzuziehen, abzulehnen, Abstand zu halten und Räume zu vervielfachen, die vielleicht imaginär, aber real sind. So wird das Universum humanisiert, der Mensch braucht einen dauerhaften Zufluchtsort und einen Schutzraum, der sich sozusagen mit dem Betroffenen mitbewegt. Jede Lebenswut birgt eine Bedrohung, (…) der Respekt vor dem Anderssein scheint mir weitaus wünschenswerter zu sein; Höflichkeit beinhaltet diesen Respekt, sie ist einer ihrer wirksamen Gründe und gerade dadurch bleibt die Liebe unberührt von dem, was uns die Höflichkeit vermittelt“ (58-59, eigene Übersetzung).[3] In der Höflichkeit werden „Räume vervielfältigt“ und „Zufluchtsorte geschaffen“: der weidende [dt. weidende] und auch weitende [dt. weitende] Aspekt der Nächstenliebe kommt hier unmittelbar zum Ausdruck. Nächstenliebe schließt immer den Abstand mit ein und das heißt: die Ehrerbietung vor der Andersheit des Anderen. Eine solche Ehrerbietung muss ohne Intention, ohne Begehren bleiben. Sie darf nicht zurückschrecken vor dem Antlitz des Anderen und der Wahrheit und dem Wahnsinn seiner/ihrer Unendlichkeit: „Objektiv sein und Maß halten, den Respekt vor der Wahrheit mit der gebotenen Ehrerbietung der Formen verbinden, andere aufklären, ohne unangenehm zu sein, ohne Gewalt überzeugen, sich durchsetzen, ohne den Sieg zu missbrauchen – das ist das Meisterwerk sowohl der Objektivität als auch der Höflichkeit, aber auf ihrer Übereinstimmung gründet sich die Ehre des menschlichen Geistes“ (105, eigene Übersetzung).[4] Aus diesem Meisterwerk der Zurückhaltung einerseits und der Raumschaffung andererseits aktualisiert sich die „Ehre des menschlichen Geistes“ auch deshalb, weil es in all seiner Flüchtigkeit und Un-Begriff/Begreif-barkeit [dt.] auf jenen unvordenklichen Zustand zurückführt, nach dem sich das Herz des Menschen am meisten sehnt: „Höflichkeit ist der Vorraum zum Paradies“ (97, eigene Übersetzung)[5] heißt auch, dass das Paradies nicht mehr verloren, sondern möglicherweise viel näher sein kann, als wir denken.

Referenzen

Buber, Martin und Rosenzweig, Franz. 1976a. Die Schrift. Die fünf Bücher der Weisung. Verdeutscht von Martin Buber gemeinsam mit Franz Rosenzweig. Gerlingen, Lambert Schneider.

1976b. Die Schrift. Die Schriftwerke. Verdeutscht von Martin Buber gemeinsam mit Franz Rosenzweig. Gerlingen, Lambert Schneider.

Caraco, Albert. 1967. Le galant homme: Un livre de civilité. Neuchâtel: A la Baconnière.

Levinas, Emmanuel. 1982. Éthique et infini: Dialogues avec Philippe Nemo. Paris: Fayard.

1996. Ethik und Unendliches. Gespräche mit Philippe Nemo. Aus dem Französischen von Dorothea Schmidt. Herausgegeben von Peter Engelmann. Wien: Passagen Verlag.

2014 [1961]. Totalität und Unendlichkeit: Versuch über die Exteriorität. Übersetzt von Wolfgang Nikolaus Krewani. Freiburg und München: Verlag Karl Alber.


[1] Im Original: „C’est un « Après vous, Monsieur ! » originel que j’ai essayé de décrire.“ (Levinas 1982, 94).

[2] Im Original: „L’amour est un viol, la courtoisie est une prévenance, un composé de pudeur sans grimace et de requête sans dessein, un jeu sans gagnant ni perdant, partie remise au jour le jour et dont les partenaires ne se lassent.“

[3] Im Original: „La politesse est un recul, la politesse est un refus, la politesse est le maintien de la distance et l’art de multiplier les espaces imaginaires – certes – mais réels. Ainsi l’on humanise l’univers, l’homme a besoin d’une retraite permanente et d’un asile qui se meut – pour ainsi dire – avec l’intéressé. Toute fureur de vivre emporte une menace (…) le respect de l’altérité me paraît et de beaucoup préférable, la politesse inclut ce respect même, il en est l’une des raisons efficientes et c’est par où l’amour n’atteint à ce que la civilité nous développe.“

[4] Im Original: „Etre objectif et garder la mesure, allier au respect que l’on porte à la vérité la révérence due aux formes, instruire sans déplaire, convaincre sans violenter et l’emporter sans abuser de la victoire, c’est le chef-d’oeuvre tant de l’objectivité que de la politesse, mais l’honneur de l’esprit humain repose sur leur congruence.“

[5] Im Original: „La politesse est l’avant-goût du Paradis.“

INDICAȚII DE CITARE

Christoph Solstreif-Pirker, ,,Die Weite der Höflichkeit’’ în Anthropos. Revista de filosofie, arte și umanioare nr. 5 / 2026

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