Christoph Solstreif-Pirker

Der Raum der Jugend, das Gefängnis der Entgrenzung: Überlegungen zu einer kritischen Topologie

Der österreichische Schriftsteller Peter Rosegger (1843-1916) veröffentlichte in seinem 1911 erschienenen Gedichtband Mein Lied folgende Zeilen, die sich gleichsam als Prolog für eine Auseinandersetzung mit dem Thema „Jugend“ lesen lassen:

„Das Grünen ist ein Auferstehn, / das Reifen ist ein Sinken. / Drum lass das Kind zu seiner Zeit / die reinen Freuden trinken. / Das Kind in seiner jungen Zeit / ist Brennpunkt aller Sonnen, / des Daseins hold begrenztes Ziel / des heiligen Glückes Bronnen. / Wächst es heran, ist nichts mehr sein, / muss um die Wette laufen, / mit jedem Tag und jeder Plag‘ / sein Leben neu erkaufen. / Der erste Drang der Lieb‘ ist schon / des Todes erstes Fordern, / ein Korn, das junge Keime treibt, / fängt selbst schon an zu modern. / Das Grünen ist ein Auferstehn, / das Reifen ist ein Sinken. / Drum lass das Kind zu seiner Zeit / die reinen Freuden trinken“ (Rosegger 1911, 20-21).

Eindrücklich und ungeschönt schildert Rosegger in diesem Gedicht „Das Kind in seiner jungen Zeit“ die Wandlung vom Aufbau zum Zerfall, die sich in jenem unbestimmten Zwischenraum zu ereignen beginnt, den der Mensch als Kind betritt und als Erwachsener wieder verlässt. Dieser Zwischenraum ließe sich als Raum der Jugend bezeichnen – als eine Dimension, die keine eindeutige physische Materialität aufzuweisen hätte, sondern vielmehr einem jener Räume gliche, die Michel Foucault als „Gegenräume“ und „lokalisierte Utopien“ beschrieb (Foucault 2013, 10). Der Raum der Jugend wäre nichts Geringeres als der Ort, der die Transformation vom Leben zum Tod einleiten würde – eben jenen Veränderungsprozess, der das menschliche Werden von der Seite des „Grünens“ auf die Seite des „Moderns“ hin überführt. Bedeutsam erscheint nun, dass Rosegger dem Kind – oder topologischer gesprochen: dem Garten vor dem Eingang in den Raum der Jugend, dem Vor-Garten also – keinerlei Mangel einräumt, was für die psychoanalytische Tradition durchaus eine Herausforderung darstellen könnte. Das Kind grünt und das heißt: ihm fehlt nichts; es erkennt sich weder als unvollständig, noch als durch das Gesetz des Vaters kastriert; es wächst, empfängt und ist mit seiner Mitwelt in unmittelbarem Kontakt. Noch präziser ließe sich sagen, dass dieser Zustand des Grünens jener „jointness-in-difference“, also jenem Verbundensein mit und in der Differenz des Anderen nahekommt, das die feministische Theoretikerin Bracha L. Ettinger in vorgeburtlichen Sorgeprozessen zwischen noch ungeborenem Kind und Mutter identifiziert hat (Ettinger 2019, 213). Dieser kindliche Zustand wird nun durch den Eintritt in den Raum der Jugend grundlegend verändert. Dabei wird das Kind gespalten und seiner fragilen, grünenden Verbundenheit beraubt. Durch diese Entgrenzung [dt. Entgrenzung] – die Auflösung des „hold begrenzten Daseins“ – geht der Mensch zum zweiten Mal des paradiesischen Gartens verlustig.

Heinrich Vogeler, Frühling, 1897

Die Sichtweise, dass der Mensch weder durch die Geburt, noch durch den Eintritt in die Sprache, und auch nicht durch die Prozeduren der Eltern oder sonstige frühkindliche Phänomene konstituiert ist, sondern durch einen Raum – d.h. eine gesellschaftlich definierte Konstruktion – scheint beachtenswert. Foucault (2013) fordert daher nicht zu Unrecht die Etablierung einer „Wissenschaft (…), deren Gegenstand diese verschiedenen Räume wären, diese anderen Orte, diese mythischen oder realen Negationen des Raumes, in dem wir leben“ (11), und das wären zuvorderst Räume für Menschen, „die sich in einer biologischen Krisensituation befinden“ (12), Räume also, die „oft in Verbindung mit besonderen zeitlichen Brüchen stehen“ (16). Vielleicht ist die Sichtweise, dass der Zerfall des Menschen auf dem durch den Kastrationskomplex hervorgerufenen Mangel und dem daraus entstehenden unerfüllbaren Begehren beruht, schlichtweg ein Trugbild, dessen quasi-biologistische Determiniertheit keine Anzweiflung zulässt. Wird das „Modern“ und das „Sinken“ des Menschen als topologisch verstanden, dann eröffnet sich zumindest die Frage, warum, woher und wodurch der Raum der Jugend konstituiert wird. Es wäre eine Phänomenologie dieses Raumes zu schreiben und zu erforschen, wer seine Konstituenten und was seine Materialitäten, Dynamiken und Atmosphären sind. Zumindest lässt sich feststellen, dass der Raum der Jugend jener Raum ist, der als Raum der Liebe Begehren produziert: „Der erste Drang der Lieb‘ ist schon / des Todes erstes Fordern“. Dies bedeutet jedoch auch, dass der Mensch „in seiner jungen Zeit“, also vor dem Eintritt in den Raum der Jugend, ohne Begehren und damit auch ohne Mangel ist. Vielmehr zeigt er sich „begrenzt“ und situiert sich im „Brennpunkt aller Sonnen“, der durchaus als Punkt der Verankerung im Heideggerschen „Geviert“ (Heidegger 2000, 175) gesehen werden kann. Erst durch den Eintritt in den Raum der Jugend wird das Begehren erzeugt, das den Menschen Zeit seines Lebens nicht mehr loslassen wird. Die Frage nach den das Begehren erzeugenden Instanzen verschiebt sich damit von den unausweichlichen Elternpersonen – oder, wie in anderen Fällen, von der alleinigen Beschuldigung der Mutter – hin zu einer Frage gesellschaftspolitischen Ausmaßes: Wo befinden sich die Räume der Jugend, die Foucault in ihrem Konnex „mit dem Übergang, der Verwandlung, den Mühen der Fortpflanzung“ in diskursive Nähe mit den „Gymnasien und Kasernen, die aus Kindern Erwachsene, aus Dörflern Staatsbürger, aus Naiven aufgeklärte Menschen machen sollten“ bringt und hernach noch präzisiert: „Und heute wäre vor allem das Gefängnis zu nennen“ (17). Die Frage: Wo befinden sich die Räume der Jugend? könnte prägnanter heißen: Wo befinden sich die Fabriken des Begehrens? Wo befinden sich die Gewächshäuser des Moderns? Chronologisch wäre auch der Frage nachzugehen: Wann drängt sich der Raum der Jugend in das Grünen des Menschen? Wo beginnt das Gefängnis der Entgrenzung? Vermutlich lassen sich solche Räume nicht auflösen und die durch sie hervorgerufenen Zerfallsprozesse sich nicht gegen ihre Mechanismen selbst wenden. Doch könnte es möglich sein, ihre Emergenz zumindest zu verschieben? Das Grünen noch einen Augenblick länger währen zu lassen? Die Quelle des „heiligen Glückes“ etwas später versiegen zu lassen? Dem Raum der Jugend nachzuspüren, ihn aufzudecken und zu enttarnen, wäre eine Abrechnung mit dem Begehren, das der Mensch nie bestellt hat, und ein möglicher Schritt zum Heimkommen zu sich selbst. Vielleicht könnte er darüber hinaus auch dazu beitragen, die Jugend Jugend werden zu lassen.

Referenzen

Ettinger, Bracha L. 2019. „Beyond the Death-Drive, beyond the Life-Drive: Being-toward-Birthing with Being-toward-Birth; Copoiesis and the Matrixial Eros – Metafeminist Notes“ in: Paolo de Assis und Paolo Giudici (Hrsg.): Aberrant Nuptials: Deleuze and Artistic Research 2, S. 183-214. Leuven: Leuven University Press.

Foucault, Michel. 2013. Die Heterotopien. Der utopische Körper. Zwei Radiovorträge. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Heidegger, Martin. 2000. „Das Ding (1950)“ in: Gesamtausgabe I. Abteilung: Veröffentlichte Schriften 1910-1976. Band 7: Vorträge und Aufsätze. S. 165-187. Frankfurt am Main: Vittorio Klostermann.

Rosegger, Peter. 1911. Mein Lied. Leipzig: L. Staackmann.

INDICAȚII DE CITARE

Christoph Solstreif-Pirker, ,,Der Raum der Jugend, das Gefängnis der Entgrenzung: Überlegungen zu einer kritischen Topologie’’ în Anthropos. Revista de filosofie, arte și umanioare nr. 7-8 / 2026

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