Christoph Solstreif-Pirker

Das Primat der Verwesung

James Ensor — The Skeleton Painter (1896)

In seiner 1935 veröffentlichten Schrift Die Flucht vor Gott wies Max Picard darauf hin, dass die großen und kunstgeschichtlich bedeutsamen Schöpfungen christlicher Kunst in einer Haltung der Scheu entstanden waren. Der künstlerisch tätige Mensch erlebte sich in Verlegenheit darüber, dass er in seinem Schöpfungsakt „das tat, was eigentlich nur Gott zukommt“ (Picard 1958 [1935], 123). Diese Scheu, die Picard in den „Bildern des Glaubens“ (123) entdeckte, ist in der post-anthropozänen Lebensrealität, in der „es nichts Unerwartetes [gibt], nichts, das ganz und gar anders ist als das Vorhandene, nichts, das überraschend ist und den Zauber des Fremden hat“ (20) abwesend. Diese gegenwärtigen Abwesenheiten fügen sich in eine grundlegende Bewegung ein, die eine Flüchtende ist: „Die Flucht ist dauernd da und so selbstverständlich wie die Luft“ (10). Diese Flucht meint zuallererst die Flucht vor Gott. Indem Picard die unterschiedlichen Dynamiken und Geschwindigkeiten dieser Fluchtbewegung aufzeigt, verdeutlicht er, dass sich die ursprünglich erkannte schöpferische Scheu nunmehr in eine schöpferische Freizügigkeit verwandelt hat, zu einer jeder Vorsicht und Vorahnung beraubten Freizügigkeit. Ihr Ausmaß umfasst schon lange nicht mehr die Schöpfung des Dings oder die Schöpfung des Körpers, der Gemeinschaft, des Denkens, Handelns, sondern tatsächlich die Schöpfung dieser Erde in all ihren Dimensionen. Der Mensch schöpft, wo und wann er kann und berauscht sich an seiner schöpferischen Freizügigkeit. Verwandelt sich dieser Eifer auch in zunehmende Er-Schöpfung [dt. Er-Schöpfung], die den bedeutsamen „Raum zwischen Gott und dem Menschen“ (15) verschließt, so ist er doch bereit, dieses Opfer auf sich zu nehmen, um das Rauschmittel der eigenen Schöpfung nicht zu verlieren: Ihr Verlust fiele zusammen mit dem Ende seiner Flucht, eine Perspektive von durchaus bedrohlichem Charakter. Doch alle seine Schöpfungen, seine Bildungen [vgl. den Zusammenhang in der deutschen Sprache zwischen Bildungen und Bildung] erweisen sich als Illusion – Illusion, Gott gleich zu sein und Illusion, niemals aus dem Paradies verstoßen worden zu sein. Sie lassen sich als Sublimierungsprozesse der menschlichen Schuld verstehen, vom Baum der Erkenntnis gegessen und das ewige Leben begehrt zu haben. Jeder Schöpfungsakt lässt den Menschen diese seine Erinnerung verdrängen und trägt dazu bei, eine weitere Schicht dem kollektiven Verdrängungsmassiv hinzuzufügen. Das Schicksal des Schöpfers ist untrennbar mit dem Aufgehen in der Illusion der Vollständigkeit und Schuldlosigkeit verbunden, Schöpfung und Täuschung sind eins. Thomas Bernhards letztes großes Prosawerk Auslöschung: Ein Zerfall (1986 veröffentlicht) setzt sich umfassend mit dieser schöpferischen Täuschungsprozedur auseinander. Über weite Strecken verdeutlicht der Roman die Zögerlichkeit des Protagonisten Murau in der Konfrontation mit Zerfall, Verwesung und Tod. In litaneiartiger Sprache schildert Bernhard ein Umkreisen des Unumgänglichen, ein langsames Vertrautwerden mit dem Ende der Flucht, eine Konfrontation mit der fundamentalen Sinnlosigkeit und Lächerlichkeit der menschlichen Existenz. Worum es dem Protagonisten (und Bernhard selbst) geht, ist eine Auslöschung der eigenen Geschichte und Situiertheit vorzunehmen, eine Auslöschung der normierenden Instanzen von Familie, Heimat und Gesellschaft, eine Auslöschung, die schließlich auch die Existenz des Protagonisten selbst umfasst (die jedoch aufgrund des publizierten – also gerade nicht ausgelöschten – Textes nicht vollständig gelingt). Interessant ist, dass Bernhards Protagonist immer wieder das Unangenehme sucht, ja geradezu von ihm angezogen wird: „Immer wieder tauchte der Gedanke in meinem Kopf auf, dass ich in den Sarg hineinschauen will […] Ich trat noch näher an die Särge heran […] Ich betrachtete die Aufgebahrten“ (Bernhard 1986, 449-450, eigene Hervorhebungen). Murau will sich nach und nach von den Täuschungen befreien und muss doch nur sein Scheitern in diesem Vorhaben erkennen, als er sich ablenkt, in die Illusion zurückkehrt, flüchtet, indem er schöpferisch tätig wird: „Ich aber wollte den Tag auf meine Weise beenden und von den Meinigen nichts mehr sehen“ (566, eigene Hervorhebung). Dennoch ist seine wiederkehrende Annäherung an die Zerfalls-, Verwesungs- und Todesphänomene bemerkenswert und es lässt sich fragen, warum sie sich derart aufdrängt. In der Lehre vom Zerfall (im Original: Précis de décomposition, 1949 veröffentlicht) bietet E.M. Cioran eine mögliche Antwort an: „Wer sich hingegen an eine Disziplin des Schreckens gewöhnt hat und, über seine Verwesung meditierend, sich entschlossen in Asche verwandelt hat, wird auf das Gewesensein des Todes zurückblicken und selbst nur ein Auferstandener von den Toten sein, der nicht mehr leben kann. Seine ,Methode‘ wird ihn vom Leben und vom Tode geheilt haben“ (Cioran 2008 [1953/1949], 695, Hervorhebungen original). Ein Geübter in der „Disziplin des Schreckens“, die an anderer Stelle auch als „Kunst des Verwesens“ (844) bezeichnet wird, scheint als „Geheilter“ weder dem Leben noch dem Tod ausgeliefert zu sein. Möglicherweise bezieht sich Ciorans Feststellung „es liegt mehr Weisheit darin, sich von den Fluten fortreißen zu lassen, als gegen sie anzukämpfen“ (844) nicht nur auf die Weisheit, sondern noch viel umfassender auf „die innerste Dimension aller Lebenden“ (694), auf die Eigentlichkeit des Menschen selbst. Die sich so auftuende Verbindung zwischen Riss und Heilung, zwischen Zerfall und Konsolidierung, lässt Muraus Hinwendungen zu den fortreißenden Fluten verständlich werden. Der Protagonist legt die Fährte zu einer Kunst, die nicht schöpft, mit einem Künstler, der kein Schöpfer ist. Sie stellt eine Disziplin dar, die jeden Moment des Daseins in seinem Zerfallsprozess verstehen und erleben will. Dies geschieht keineswegs aus zynischen oder (selbst-)zerstörerischen Gründen, im Gegenteil: Der „Geschmack des grausam-süßen Zunichtewerdens“ (695) eröffnet die Erfahrung einer anderen Welt und könnte nichts weniger als eine Auferstehung darstellen: der Tod hat keinen Stachel mehr – und das Leben ebenso wenig. Diese Erfahrung ist eine grundlegend materielle, die sich fernhält von jeder Ideologie, jeder Neugierde und jedem Fanatismus: Der „untätige, müßiggängerische Geist“, der Geist also, der der Verwesung stattgibt, übt sich darin, „die Dinge selber aber leerzuschöpfen und durch bloße Formeln zu ersetzen“ (690). Nicht zu schöpfen, sondern leerzuschöpfen bedeutet, der allgegenwärtigen Formel der Verwesung den einzigen Vorrang zu geben. Das Primat der Verwesung ist der Ankerpunkt nicht nur für eine individuelle ent-täuschte [dt. ent-täuschte] Lebenskunst: Möglicherweise hat auch das gemeinschaftliche Ereignis des Friedens mit dem Boykott der Schöpfung und mit dem Umarmen des Zerfalls zu tun. Die Flucht wäre beendet.

Referenzen

Bernhard, Thomas. 1986. Auslöschung: Ein Zerfall. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Cioran, E.M. 1953 [1949]. Lehre vom Zerfall. Aus dem Französischen von Paul Celan, Hamburg: Rowohlt. Abgedruckt in: Cioran, E.M. 2008. Werke. S. 683-867. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Picard, Max. 1958 [1935]. Die Flucht vor Gott. Freiburg im Breisgau: Herder.

INDICAȚII DE CITARE

Christoph Solstreif-Pirker, „Das Primat der Verwesung” în Anthropos. Revista de filosofie, arte și umanioare, nr. 10/2026.

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