Christoph Solstreif-Pirker

Bildersturm

Möglicherweise liegt eine der Grundbedingungen, die die ersten Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts kennzeichnen, in jener Wende begründet, die Gottfried Boehm 1994 als iconic turn vorstellte: die Wende „vom Weltbild zur Bilderwelt“ (Bazon Brock in Burda 2010, 118). Dieser Übergang geht auch mit einer Veränderung der Geschwindigkeit einher, indem „das, was wir gemeinsam teilen, über die Bilder schneller und ökonomisch sinnvoller geworden ist, dass wir damit aber auch in höherem Maße einer Täuschbarkeit ausgesetzt sind.“ (Ibid., eigene Hervorhebung). Während Heidegger in Die Zeit des Weltbildes noch darauf hingewiesen hatte, dass in der Neuzeit die Welt zu einem durch den Menschen vorstellbaren, beherrschbaren und veränderbaren Bild überführt wird, zu einer „Vergegenständlichung des Seienden“ also (Heidegger 1977, 86), kehrte sich mit dem Ende des 20. Jahrhunderts die Bezugnahme des Bildes auf die Welt zunehmend um.

George Tooker – „Government Bureau”, 1956

Das in sich abgeschlossene neuzeitliche Bild emanzipierte sich zu einer offenen und wuchernden Mannigfaltigkeit an Bildern, zu einer dynamischen Bilderwelt, die sich in ihrer Virtualität fortwährend aktualisierte und die Welt als solche zu bestimmen begann. Diese freigesetzte Vitalität der Bilder konnte sich erst mithilfe jener Phänomene vervielfältigen, die Félix Guattari unter der Bezeichnung des „Weltweiten Integrierten Kapitalismus (WIK)“ (Guattari 2016 [1989] 41) subsumierte. Die kapitalistischen Produktionsströme koppelten die Subjektivität an eine weltumspannende Bildmaschine, die das Denken, Handeln und Fühlen fortwährend neu bestimmt. Menschliche und mehr-als-menschliche Körper (z.B. die Körper der künstlichen Intelligenz) formen sich seither in Bezug auf Bilder und werden durch bildhafte Machtverhältnisse gegliedert. Die Mächtigkeit des WIK besteht nun darin, die Täuschungsabsichten seiner Bilderwelt als Bilder auszublenden und die Bilder stattdessen als die Welt erscheinen zu lassen, also eine trügerische Überblendung vorzunehmen. Der Blick vollzieht sich im beginnenden 21. Jahrhundert immer durch einen durchsichtigen Bildrahmen (richtiger: mehrere durchsichtige Bildrahmen) hindurch und zeigt sich als getrübter Blick. War die Welt durch das neuzeitliche Weltbild in ihrer Klarheit noch zugänglich, so ist die Welt der gegenwärtigen Bilderwelt verstellt, vorgeschoben [dt. vorgeschoben] und das heißt: vorgetäuscht [dt. vorgetäuscht]. Das Schlagwort „Transparenz“, wo auch immer es gegenwärtig vernommen wird, weist auf das Vorhandensein ebenjener durchlässigen Bildrahmen hin, durch die sich der WIK ausdrückt und ausweitet. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts erleidet die menschliche Subjektivität einen Raub der Klarsicht auf die Welt. Dieser Raub vollzieht sich durch die stetig vorgeschobenen Bilder, die sich bei näherem Blick als Trug-Bilder [dt. Trug-Bilder], als Idole erweisen. Durch den Wandel von den Disziplinar- zu den Kontrollgesellschaften (vgl. Deleuze 1992) wird die Trübung des menschlichen Blicks nicht mehr von einer zentralen Instanz vorgenommen – so als könnte der WIK in irgendeiner Weise lokalisiert werden – sondern ist es der Mensch selbst, der seinen Blick fortwährend idolisiert [dt. idolisiert], trübt und täuscht. Die Wunschmaschine des Subjekts ist an die spätkapitalistische Bildmaschine angeschlossen, die Bild für Bild fortwährend in die Subrealität des Menschen einschreibt – wobei es der Mensch selbst ist, der diese Kopplung Tag für Tag, Sekunde für Sekunde aktiviert hält – und damit die planetare Ökonomie des WIK kontinuierlich weiterführt. In dieser globalen Fesselung der Bilder erscheint einmal mehr Emmanuel Levinas‘ Begriff des „Antlitzes“ (Levinas 2014 [1961], 63) von hoher Bedeutsamkeit zu sein, da es das Antlitz ist, das mit dem kapitalistischen Egoismus und der „ökonomische[n] Existenz“ (254) zu brechen vermag. Wo immer der gegenwärtige Moment sich idolhaft verwirklicht, erweckt er „die Person zu einer Freiheit, die er sogleich vergewaltigt“ (255): der getrübte Blick durch die vermeintliche Transparenz der Idole hindurch scheint frei zu sein und zeigt genau in diesem Scheinen seine Unfreiheit, er „gleitet in die Tyrannei“ (255). Das Antlitz vermag – vielleicht als einziges – dieser Gewalt entgegenzutreten; den anderen anzublicken lässt vorgeschobene Bilder brechen, hebt den Menschen, wenn auch nur momentan, aus den Verstrickungen der Bilder empor, klärt den Blick, löst die Täuschungen auf. Wenn es keine Idole mehr gibt, ist der Andere da, in seiner Einzigartigkeit jenseits des Bildhaften: „Das Gesicht des Nächsten bedeutet mir eine unabweisbare Verantwortung, die jeder freien Zustimmung, jedem Pakt, jedem Vertrag vorausgeht. Es entgeht der Vorstellung. Das Gesicht ist gerade das Ausbleiben der Phänomenalität (…) Die Enthüllung des Gesichts ist Nacktheit – Un-Form – Selbstaufgabe, Altern, Sterben“ (Levinas 2011 [1974], 199, eigene Hervorhebung).  Das Antlitz ist die Negation der Vorstellung, es ist formlos, bildlos; kein Idol, sondern Körper, sterbender Körper. Gerade in seiner Sterblichkeit setzt es den endlosen Wiederholungen der vorschiebenden und vortäuschenden Ökonomie – und das heißt auch: der kapitalistischen Ökonomie – ein Ende. Das Antlitz allein hat die Macht, die Wucherungen der Idole aufzuhalten. Zu erkennen, wie dies Günther Anders tat, „dass Realität erst durch Reproduktion erzeugt wird“ (Anders 1987 [1956] 209) und „die Zahl von Gegenwartsphantomen unbeschränkt ist“ (134) eröffnet gleichzeitig „die Gier nach einem Widerstande“ (200). Dieser Widerstand liegt im Antlitz des Anderen begründet, dem Antlitz, das mich anspricht, unterweist und meine vorstellende Ökonomie jäh unterbricht. In der Hinterfragung meines Selbst fördert dieses Antlitz ebenso „die Fähigkeit, uns auf ,Ende‘ einzustellen“ (277), vertraut mit der „Un-Form“ (Levinas 2011 [1974], 199) zu werden und einen Ausweg aus der zerstörerischen Lebendigkeit der Idole zu bahnen. In der Feststellung, dass es der Mensch selbst ist, der den eigenen Blick trübt, liegt auch eine hoffnungsvolle Spur begründet: dass es auch am Menschen selbst liegt, das Antlitz des Anderen neu und immer wieder neu wahrzunehmen, ihm entgegenzublicken, in der Bereitschaft, die vorgestellten Bilder zersplittern zu lassen. Wenn ein solcher Moment möglich wird, kann sich eine Alternative zu den Barbareien der Gegenwart aufspannen: eine Klarheit, die wahrhaft mitmenschlich und verantwortungsvoll zu bezeichnen wäre. „Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge“ (Matthäus 7, 5a) würde auch bedeuten, den Rahmen jener Bilder zu entfernen, die in ihrer gewaltsamen Transparenz unbemerkt das eigene Blickfeld trüben. Im Herausziehen dieser Rahmen fände dann auch eine Bewegung hin „zu deinem Bruder“ (Matthäus 7, 4b) statt: es wird dann möglich, „den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen“ (5b) und das heißt: ihm zu helfen, der Welt zu helfen, uns gemeinsam von Angesicht zu Angesicht zu begegnen. Die Welt muss nicht länger eine Bilderwelt bleiben.

Referenzen

Anders, Günther. 1987 [1956]. Die Antiquiertheit des Menschen. Band 1. Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution. München: C. H. Beck.

Burda, Hubert. 2010. In medias res. Zehn Kapitel zum Iconic Turn. Mit Beiträgen von: Friedrich Kittler, Peter Sloterdijk, Bazon Brock, Horst Bredekamp, Hans Belting. München: Fink. 

Deleuze, Gilles. 1992. „Postscript on the Societies of Control“ JSTOR 59: 3-7.

Guattari, Félix. 2016 [1989]. Die drei Ökologien. Herausgegeben von Peter Engelmann. Wien: Edition Passagen.

Heidegger, Martin. 1977. Gesamtausgabe. I. Abteilung: Veröffentlichte Schriften 1914-1970. Band 5: Holzwege. Frankfurt am Main: Vittorio Klostermann.

Levinas, Emmanuel. 2011 [1974]. Jenseits des Seins oder anders als Sein geschieht. Aus dem Französischen übersetzt von Thomas Wiemer. Freiburg und München: Karl Alber

Levinas, Emmanuel. 2014 [1961]. Totalität und Unendlichkeit: Versuch über die Exteriorität. Übersetzt von Wolfgang Nikolaus Krewani. Freiburg und München: Karl Alber.

INDICAȚII DE CITARE

Christoph Solstreif-Pirker, ,,Bildersturm’’ în Anthropos. Revista de filosofie, arte și umanioare nr. 9 / 2026

Acest articol este protejat de legea drepturilor de autor; orice reproducere / preluare integrală sau parțială, fără indicarea sursei, este strict interzisă.