Christoph Solstreif-Pirker

Begegnung mit dem Äußersten – Begegnung mit der Nacht

Das Kardinale lässt sich gemeinhin als etwas Bedeutsames oder Entscheidendes bezeichnen. Es markiert einen Ort weit weg vom Allgemeinen, also etwas Peripheres, Marginales, dadurch vielleicht auch etwas Unbekanntes oder Unangenehmes; etwas, das sanktioniert werden muss und deswegen nicht zur Sprache kommen darf; etwas jenseits des Normativen. Insofern meint das Kardinale auch immer das Exzentrische oder das Äußerste. Einen kardinalen Fehler zu begehen bedeutet, an einen Punkt gelangt zu sein, der auf gewöhnlichen Wegen schwer erreichbar ist und von dem womöglich auch kein Weg wieder zurückführt. Wenn nun, wie es in dieser Ausgabe geschehen soll, der Begriff der Begegnung mit dem Eigenschaftswort kardinal verbunden wird, so ist das irritierend und naheliegend zugleich. Irritierend, weil sich Begegnung in der neoliberalen Gegenwart keineswegs mit dem Äußersten beschäftigt, sondern als grundlegend geplante und kontrollierte Praxis vielmehr das Innerste, Bekannteste präferiert. Begegnung findet gegenwärtig im Raum des immer Gleichen statt, und das Begegnen meint hier eigentlich ein Senden und Empfangen immer gleicher und dadurch auch immer gehaltloser werdender Resonanzen. In dieser Sichtweise sind „kardinale Begegnungen“, die ich auch als echte, unmittelbare, tiefe Begegnungen verstehe, nicht vorgesehen und geradezu verunmöglicht. Naheliegend ist die Verbindung von Begegnung und dem Attribut „kardinal“ dann, wenn Begegnung ihre planende Handlungsmacht aufgibt: wenn sie also einen Prozess beschreibt, der sich mit dem „Gegen“, also mit dem Gegenüber, beschäftigt und sich darauf einlässt. Das deutsche Wort „Begegnung“ trägt (wie im Übrigen auch die englische Entsprechung „en-counter“) das Gegnerische, also das sich mir Entgegenstellende, Oppositionelle und Unbekannte in sich, ist gleichsam aus ihm zusammengesetzt. Tatsächlich ereignet sich eine wahrhafte Begegnung dann, wenn sie die Konfrontation mit dem Äußersten mit einschließt, wenn sie so ungeplant und unbekannt wie möglich ist. Hierbei eröffnet sich ein Möglichkeitsraum, in dem ich mich fremd fühle, der mir unbekannt ist, in dem sich bestehende Bezugspunkte langsam aufzulösen beginnen – und der dennoch produzierend und lebendig ist.

Arnold Böcklin, Isle of the Dead: „Basel” version, 1880

Ich meine, dass die anthropozäne Gegenwart mit all ihren Barbareien und Maßlosigkeiten auf großer wie kleiner Ebene so dringend wie noch nie darauf hinweist, ja sogar mit all ihren Kräften dazu aufruft, vertraut mit kardinalen Begegnungen zu werden: Begegnungen zuzulassen, die sich dem Äußersten entgegenstrecken, die den anderen, gegnerischen Schrei der Erde und den Schrei der Mitmenschen nicht als Echo des schon tausendfach Gehörten (über-)hören, sondern ihn in seiner Andersheit wahrnehmen und wertschätzen. Es sind Begegnungsformen notwendig, die sich richten an „uns, die wir vorbeisehen an den Dingen neben uns und nicht hören, dass der Schrei nicht verstummt“ wie Paul Celan es für die deutschsprachige Fassung von Alain Resnais‘ Film Nuit et brouillard (1956) beklemmend ausgedrückt hat – Begegnungsformen also, die sich genau dieser passiven und indifferenten Haltung entgegenstellen. Doch wodurch ließen sich solche kardinalen Begegnungen realisieren? Maurice Merleau-Pontys Charakterisierung der Nacht kann uns hier weiterhelfen. In der Phänomenologie der Wahrnehmung schreibt er:

„[die Nacht] ist nicht ein Gegenstand mir gegenüber, sie umhüllt mich, sie durchdringt all meine Sinne, sie erstickt meine Erinnerungen, sie löscht beinahe meine persönliche Identität aus. Ich finde mich nicht mehr auf meinen Wahrnehmungsposten zurückgezogen, von dem aus ich auf Abstand die Profile der Gegenstände vorüberziehen sehe. Die Nacht ist ohne Profile, sie selber ist es, die mich anrührt (…) Selbst ein Schrei oder ein fernes Licht bevölkern sie nur vage, als ganze nur belebt sie sich, und sie ist reine Tiefe ohne Vorder- und Hintergründe, ohne Oberflächen, ohne Abstand von ihr zu mir“ (Merleau-Ponty 1966 [1945], 329-330).

Die Begegnung mit der Nacht lässt sich zweifelsohne als kardinale Begegnung beschreiben. Im Zusammensein mit der Dunkelheit lösen sich Identitäten, Erinnerungen, Ideen, Vorstellungen grundlegend auf. Paradoxerweise braucht es genau diese Erschütterung, damit sich etwas Neues ereignen kann: in der Nacht findet eine Anrührung, eine Berührung statt („sie selber ist es, die mich anrührt“), unmittelbarer Kontakt, wahrhaftige Begegnung werden möglich. Obwohl oder gerade weil alles Bekannte schwindet, wird Raum für den Anderen geschaffen. Meines Erachtens ist Begegnung dann kardinal, wenn der bekannte Boden unter den Füßen zu wanken beginnt, wenn es dunkel wird, wenn alle bestehenden Referenzen sich aufzulösen beginnen, wenn nur mehr Ich und der Andere da sind, um sich gegenseitig Halt geben. Vielleicht ist es gerade in jenen Momenten, in denen das „Antlitz des Anderen“ (Emmanuel Levinas), seine Andersheit, zum ersten Mal wirklich erblickt werden kann – der nächtliche Kontakt würde dann eine nahezu ethische Komponente mit sich bringen.

Auf die Bedeutung der Nacht und der damit einhergehenden Grundlosigkeit hat E.M. Cioran in aller Deutlichkeit hingewiesen, wenn er sagt: „Leben heißt Boden verlieren“ (Cioran 1994 [1973], 79). Wichtig ist nun, dass diese durch die Grundlosigkeit in Aussicht gestellte Lebendigkeit eben keine ist, die ausschließlich um sich selbst kreist, sondern – wieder im Sinne Levinas’ – im Dienste des Anderen steht. Wenn ich mich in die Nacht begebe, tue ich das, um dem Anderen zu begegnen und das heißt auch: um den Anderen zu sehen, um mich um ihn zu kümmern, um ihn zu tragen, um ihn grundlegend anzuerkennen. Der Andere kann dabei als Mensch verstanden werden oder als mehr-als-menschliche Mitwelt. In ihre Nacht einzutauchen hieße, ihre Verwundungen und Traumata zu sehen und mich ihnen begegnend auszusetzen – ohne Plan und ohne Ziel. Die Wirkung einer solchen Begegnung könnte darin bestehen, dass ich – vielleicht zum ersten Mal – tatsächlich angerührt werde von der Andersheit des Anderen, meine eigene Identität hinterfrage und mein Denken und Handeln sich im Lichte des Anderen zu revidieren beginnen.

Die einzige Bedingung ist dabei, in die Nacht einzutreten und zu wissen, dass die Auflösung, der Zerfall, der damit einhergeht, den Anderen erst vor meinen Augen erscheinen lässt: Sobald ich abtauche, sobald ich mich einlasse auf das Unergründliche, zeigt sich der Andere und wird eine kardinale Begegnung möglich. Die Akzeptanz der gegenwärtigen Welt voll von Verwirrung, Unsicherheit und Angst könnte paradoxerweise erst dazu beitragen, dass wir in ihr wachsen können. Vielleicht liegt in der Dunkelheit viel mehr Licht verborgen, als wir vermuten.

Graz, Österreich, 25. November 2025

Referenzen

Cioran, E.M. 1994 [1973]. Vom Nachteil geboren zu sein. Übersetzt von François Bondy. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Merleau-Ponty, Maurice. 1966 [1945]. Phänomenologie der Wahrnehmung. Übersetzt von Rudolf Boehm. Berlin: Walter de Gruyter & Co.

INDICAȚII DE CITARE

Christoph Solstreif-Pirker ,,Begegnung mit dem Äußersten – Begegnung mit der Nacht’’ în Anthropos. Revista de filosofie, arte și umanioare nr. 11 / 2025

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