Christoph Solstreif-Pirker
Apotheose der Dünnhäutigkeit
Unlängst las ich folgende Beschreibung einer Person: „Symptom: Ist dünnhäutig geworden“. Diese kurze Notiz sprach mich in bemerkenswerter Weise an. Aus welchem Grund, so fragte ich mich, stellt Dünnhäutigkeit einen Zustand dar, der als Defizit und somit als Abweichung bestehender Normen und Gesetze bezeichnet werden muss? Eine innere Erschütterung machte sich breit, gefolgt vom Wunsch, dieses Symptom nicht zu heilen – oder „zu besprechen“, wie man sagt – sondern es vielmehr wahrzunehmen, emporzuheben, zu verherrlichen: Fürsprecher der Dünnhäutigkeit zu sein. Die Diskussion des zeitgenössischen Fragilitätsbegriffs ließe eine solche Apotheose zu – gerade wenn es auch darum gehen soll, Fragilität aufgrund ihrer begrifflichen Omnipräsenz nicht in Beliebigkeit sinken zu lassen, sondern sie griffig zu halten – und das heißt auch an-griffig und widerständig. In meinen Überlegungen zur Biopolitik der synchronisierten Glückseligkeit (vgl. Solstreif-Pirker 2026, u.a. Kapitel 2) zeigen sich die Kristallisationen menschlichen Denkens und Handelns im Moment ihres Entstehens von einem Rhythmus der Gleichschaltung erfasst und überformt. Es geht darum, jeglichen Schmerz – und das heißt auch: Welt-Schmerz, also Welt-Bezug – aufzuheben und den Menschen maschinengleich an die spätkapitalistischen Respiratoren anzuschließen, die sich beispielsweise in jedem digitalen Display manifestieren (und zukünftig auch andere Formen annehmen werden). Die forcierte Unterdrückung von Schmerz ist Ausdruck eines Machtregimes der Positivität, dessen primäre Funktion die Ablenkung des Menschen von seiner Eigenständigkeit ist und das umso wirkungsvoller agiert, als es ihm die Illusion von Freiheit und Lebendigkeit vermittelt. Dieses Machtregime der Positivität hat einen wuchernden Charakter und transformiert nach und nach die menschliche Sprache hin zu immer größerer Ohnmacht und Bedeutungslosigkeit. Auch der Begriff der Fragilität ist von dieser gewaltsamen Modifikation betroffen, die ich Ent-Leidung oder Glättung nennen möchte. Fragilität heißt im glückseligen Machtregime: den eigenen Körper durchlässig für noch größeren Machtmissbrauch zu machen, in dem Glauben, sowohl substantial als auch relational vorbildlich zu agieren: durch die Annahme, dass Durchlässigkeit sowohl mir selbst als auch anderen vermeintlich gut tue. Die Realisierung, dadurch eine noch breitere Einfallsstraße für die Betäubung des Selbst zu eröffnen, stellt sich zumeist nicht ein, da Fragilisierung als etwas zutiefst Positives, also Begehrens- und Lohnenswertes erachtet wird. Es sei denn, es stellen sich Momente ein, in denen sich der menschliche Körper nicht vollständig vereinnahmen lässt: wenn ein Hindernis bleibt, eine dünne Wand, fast durchlässig und doch zäh, trotzig, stark. Eine Membran, die sich eben nicht glätten lässt, die durchtränkt ist von letzten Zweifeln, Leiden, Schmerzen. Dann muss eine solche Fragilität zu einem Symptom gemacht und die verbliebene Leidensfähigkeit des dünnhäutigen Menschen „therapiert“ werden.

Wenn Dünnhäutigkeit Widerständigkeit bedeutet, wird nach und nach klar, warum sie sanktioniert werden muss: weil in ihr die Potentialität begründet liegt, den eigenen Körper nicht vollständig den biopolitischen Machtapparaten auszuliefern: eine leidende Schicht zurückzuhalten, einen letzten Rest von Körperlichkeit, Menschlichkeit, der sich der ent-leidenden Gewalt entgegenstellt. Hier bleibt jedoch die Frage, wen oder was die Dünnhäutigkeit zu verteidigen versucht. Aufschluss darüber gab eine Notiz, die im Anschluss an die erste der eingangs erwähnten Person zu finden war: „Symptom: Ist dünnhäutig geworden. Nimmt sich alles zu Herzen.“ Haut und Herz stehen in scheinbar enger Allianz zueinander. Die Dünnhäutigkeit versucht, äußere Angriffe auf das Herz abzuwehren: Solange ihre Barrieren bestehen, ist der Mensch dem Herzen noch nahe und das bedeutet: er ist noch nicht blind. E.M. Cioran sagt uns in seinem 1937 publizierten Frühwerk Lacrimi şi sfinţi: „Die Augen sehen nichts. Katharina Emmerich hatte recht, als sie behauptete, sie sehe mit dem Herzen! Da das Herz die Sehkraft der Heiligen ist, wie sollten sie nicht viel weiter sehen können als wir? Das Auge besitzt ein beschränktes Sehfeld, es sieht immer nur von außen. Da aber die Welt im Inneren des Herzens liegt, ist die Introspektion die einzige Methode, um zur Erkenntnis zu gelangen. Das Gesichtsfeld des Herzens? Die Welt plus Gott, plus das Nichts, d.h. alles“ (Cioran 2008, 356). In seinem Erstlingswerk Pe culmile disperării (1934) lässt sich dieser Gedanke noch konkreter nachzeichnen: „Ist es denn keine Krankheit, unausgesetzt die wesenseignen Nerven und Glieder, den Magen und das Herz bewusst zu spüren, dem Bewusstsein jedes einzelnen Teils ausgesetzt zu sein? Zeugt dieser Vorgang nicht von einer Zersetzung dieser Teile, von einem Versagen ihrer natürlichen Funktionen? Des Leibes Wirklichkeit gehört zu den schrecklichsten“ (Cioran 2008, 63). Der dünnhäutige Mensch hat sich also die Fähigkeit bewahrt, nach innen zu schauen und dabei zu erkennen, dass alles im Vergehen begriffen ist, dass sich alles zersetzt. Diese Innenschau ist das Bewusstsein des Leidens mit der gleichzeitigen Realisierung, am Leben zu sein: „Leiden heißt, ganz und gar selbst sein, heißt, zu einem Zustand der Nichtübereinstimmung mit der Welt gelangen, denn das Leiden erschafft Zwischenräume“ (Cioran 2008, 1324), wird es Cioran in La chute dans le temps (1964)später formulieren. Eine „Krankheit“, wie Cioran sagt, ja, doch eine Krankheit, die nicht geheilt werden will, da sie das Movens der menschlichen Lebendigkeit darstellt. Wahre Menschlichkeit entsteht in Zwischenräumen und es sind gerade diese Zwischenräume, die von der gegenwärtigen Gewalt der Positivität nach und nach zerstört werden. Das spätkapitalistische Machtregime kann sich keine Zwischenräume leisten, keine Nichtübereinstimmung, kein Bewusstsein über das Zersetzen der Welt und keine Einsicht, dass Zivilisation illusorisch ist. Daher der Terror der synchronen Glückseligkeit. Fragilität als Dünnhäutigkeit zu begreifen hieße, den Zugriff auf das eigene Herz zu bewahren und zu realisieren, dass „im Grunde alles nichts ist“ (Cioran 2008, 228). Die Dünnhäutigkeit und die Beherzigung ermöglichen Freiheit. Doch das Herz ist auch das Organ der Liebe …
Referenzen
Cioran, E.M. 2008. Werke. Aus dem Rumänischen von Ferdinand Leopold. Aus dem Französischen von François Bondy, Paul Celan, Verena von der Heyden-Rynsch, Kurt Leonhard und Bernd Mattehus. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Solstreif-Pirker. C. 2026. Matrixial Breath: Aesthetically Respiring in the Trauma of the Present. London and New York, NY: Routledge.
INDICAȚII DE CITARE
Christoph Solstreif-Pirker ,,Apotheose der Dünnhäutigkeit’’ în Anthropos. Revista de filosofie, arte și umanioare nr. 3 / 2026
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